Rembrandt mit heulender Mickymaus

Künstler: Fritz Aigner
Jahr: 1987
Technik: Radierung
Maße: 50 x 69 cm
Abgebildet in: Hannes Etzlstorfer, Fritz Aigner – Wunderkind und Malmaschine. Brand­stät­ter Verlag. Wien 2010, S. 215

Wenn Fritz Aigner Rembrandt in seinen Werken begegnet, dann nicht ehrfürchtig auf Abstand, sondern frontal. Auge in Auge. Mit dem Pinsel in der Hand. Mitten im Leben. Rembrandt van Rijn ist für Aigner kein kunsthistorisches Denkmal, sondern ein lebendiger Gefährte, ein Bruder im Geiste – ein Künstler, mit dem er eine zeitlose Gemeinschaft teilt. Diese Beziehung ist von Nähe, Reibung und Identifikation geprägt. Aigner malt Rembrandt nicht, um ihn zu zitieren, sondern um sich an ihm zu messen. Und immer wieder, um sich selbst in ihm zu erkennen. Rembrandt ist Vorbild – und zugleich kritischer Lehrer.

Beide verbindet der kompromisslose Blick. Die altmeisterliche Technik, das genaue Hinschauen ins Detail. Doch während Rembrandt die sichtbare Welt bis an ihre seelische Grenze ausleuchtet, geht Aigner in seinen phantastischen Bildern noch einen Schritt weiter: hinter die Erscheinung, hinter die Oberfläche, hinter das bloß Sichtbare. Genau hier setzt seine kritische Reflexion ein. Seine Rembrandt-Darstellungen sind kein Nachvollzug, sondern ein bewusstes Daraufschauen, und Aigner bezieht dabei immer wieder den Betrachter mit ein, denn die Gesichter blicken direkt in dessen Augen – prüfend, fragend, manchmal widerständig.

In Aigners Werk erscheint Rembrandt als Spiegelbild, als Doppelgänger, als Alter Ego. Die Grenzen zwischen dem niederländischen Barockmeister und dem Linzer Maler beginnen zu verschwimmen. Rembrandts Gesicht wird zum Projektionsfeld für Aigners eigenes Ringen mit dem Menschsein: mit Zweifel, Einsamkeit, Rausch, Würde und Scheitern. Das Selbstporträt rückt dabei ins Zentrum. Auf fällig ist dabei die wiederholte Darstellung Rembrandts mit einem dritten Auge. Dieses zusätzliche Auge ist kein dekorativer oder surrealer Effekt. Es steht für einen erweiterten Blick – für innere Wahrnehmung, für Erkenntnis jenseits des Offensichtlichen. Das dritte Auge markiert den Anspruch der Kunst, mehr zu sehen als das, was sich unmittelbar zeigt. Aigner verleiht es Rembrandt – und erhebt damit zugleich den Maßstab für sich selbst.

Eine besondere Rolle spielt das Licht. Rembrandts berühmtes Helldunkel wird von Fritz Aigner nicht nur malerisch übernommen, sondern technisch und symbolisch weitergedacht. Der sogenannte „Trick mit dem Licht“ – ein gezielter Lichtstrahl, oft durch ein Loch im Hut gelenkt – trifft das Gesicht und isoliert es aus der Dunkelheit. Dieses Licht ist mehr als ein formales Mittel. Es steht für Erkenntnis, denn es legt frei, was sonst im Dunkeln verborgen bleibt.

Inhaltlich verbindet Aigner diese Lichtregie mit einer radikalen Gegenwärtigkeit. Seine Rembrandt-Bilder sind keine nostalgischen Rückblicke, sondern Kommentare zur eigenen Zeit. Sie sind Konfrontationen, sie sind ein Dialog. Hier begegnen sich zwei Künstler, die den Menschen nicht idealisieren, sondern ihn zeigen, wie er ist: verletzlich, lächerlich, trinkend, suchend, scheiternd. Aigner malt Rembrandt, um sich selbst zu erkennen. Und er malt sich selbst, um Rembrandt standzuhalten.

So entsteht ein dichter Dialog über die Jahrhunderte hinweg. Rembrandt bleibt Vorbild und Lehrer – doch Aigner stellt sich selbstbewusst gegenüber und hält ihm stand. Große Kunst endet nicht mit einer Epoche. Sie lebt im fortgesetzten Gespräch weiter – dort, wo Malerei zur Form des Denkens und des Überlebens wird.

Schmankerlwirt
Inge & Arni Lummerstorfer

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