Nacktes Selbstportrait mit Frauenakt im Hintergrund

Künstler: Fritz Aigner
Jahr: 1970
Technik: Radierung
Maße: 36,5 x 30 cm
Abgebildet in: Hannes Etzlstorfer, Fritz Aigner – Wunderkind und Malmaschine. Brand­stät­ter Verlag. Wien 2010, S. 109

Fritz Aigners Selbstporträts nehmen im Gesamtwerk des Künstlers eine zentrale, durch alle Schaffensphasen hindurch konstante Stellung ein. Sie sind keine Moment aufnahmen im klassischen Sinn. Sie sind Langzeitbeobachtungen eines Menschen, der sich selbst immer wieder zum Gegen stand seiner Kunst macht – nicht aus Eitelkeit, sondern aus innerer Notwendigkeit.

Für Aigner ist das Selbstporträt ein Mittel der Klärung: Er malt sich selbst, um zu verstehen. Dieser Gedanke prägt seine Arbeit von Beginn an. Viele dieser Bilder entstehen in Phasen der Krise – nach Kränkungen, in seelischen oder existenziellen Ausnahmesituationen. Sie sind Reaktionen, keine Inszenierungen. „Selbstporträts male ich nur, wenn ich in Not bin“, hält Aigner fest. Entsprechend ungeschönt sind auch diese Darstellungen. Aigner zeigt sich müde, verletzlich, gealtert, oft mit Bierflasche oder Zigarette. Keine Maske, keine Idealisierung. Körperliche Hinfälligkeit wird nicht verdeckt, sondern bewusst sichtbar gemacht. Diese Selbstporträts sind Momentaufnahmen – Verdichtungen eines inneren Zustandes, der im Bild Form an nimmt.

Im Gesamtwerk Aigners bilden sie einen roten Faden, der sich durch Jahrzehnte spannt und immer neue Facetten offenlegt. Sie bilden das Rückgrat seines Gesamtwerks – als fort laufende Selbstbefragung eines Künstlers, der sich selbst konsequent in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. Aigner ist fas immer Teil der Geschichte, die er malt. Es gibt kaum ein Werk, in dem er nicht präsent ist – sei es als Hauptfigur, als Randfigur, als Beobachter oder als stiller Zeuge des eigenen Lebens.

Wo er sich nicht explizit selbst darstellt, tritt er dennoch in Erscheinung – verschlüsselt, verschoben, verwandelt. Häufig übernimmt Rembrandt diese Rolle als Alter Ego: nicht nur als kunsthistorisches Zitat, sondern als Bruder im Geiste, als Projektionsfläche für Alter, Zweifel und künstlerische Haltung. In anderen Werken manifestiert sich Aigners Präsenz weniger konkret, dafür umso deutlicher in der Atmosphäre: Stimmung, Farbigkeit und die innere Spannung eines Bildes spiegeln sein seelisches Erleben. Selbst dort, wo sein Gesicht fehlt, bleibt seine innere Verfassung präsent.

Formal bleibt Aigner dabei kompromisslos präzise. Seine altmeisterliche Technik dient nicht der Schönheit, sondern der Klarheit. Falten, Müdigkeit, körperliche Veränderungen werden nicht kaschiert, sondern hervorgehoben. Gerade darin liegt die Spannung dieser Bilder: Sie verbinden höchste malerische Kontrolle mit radikaler emotionaler Offenheit. Der Blick des Künstlers richtet sich dabei nach innen – und trifft dennoch unmittelbar im außen.

So werden Aigners Selbstporträts zu einer offenen Biografie in Bildern. Der Betrachter wird hineingezogen, wird Teil dieses Lebensprozesses. Diese Werke erzählen nicht über das Leben. Sie sind gelebtes Leben im Bild – unverblümt, direkt und von einer eindringlichen Ehrlichkeit.

Schmankerlwirt
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