Im Rahmen des Flamenco Festivals 2018 in der Spinnerei Traun entstand eine Serie großformatiger Zeichnungen von Matthias Claudius Aigner, ausgeführt in farbiger Tusche und Aquarellfarben auf Papier. Die Arbeiten entstanden direkt während einer Darbietung des Flamenco-Tänzers Eduardo Guerrero und seines Ensembles. Aigner reagierte im Moment auf das Bühnengeschehen: auf Bewegung, Rhythmus, Licht und Stimmung. Ziel war nicht die dokumentarische Abbildung einzelner Szenen, sondern das unmittelbare Erfassen von Spannung, Dynamik und emotionaler Verdichtung.
Die spanische Tradition des Flamencos beeindruckt durch ihre intensive Auseinandersetzung mit der Musik und steht für die Darstellung purer Leidenschaft auf der Bühne, bei der mit vollstem Körpereinsatz getanzt, gesungen und musiziert wird.
„Flamenco music is a language for communicating, expressing happiness, sadness, rage, passion. Traditionally, flamenco musicians learnt by listening, imitating and repeating, like a baby learning to speak. (…) Throughout the history of flamenco, people have said to sing or play or dance flamenco you have to be born with it, feel it inside. It can’t be taught.“ – Oscar Herrero
„Flamenco-Musik ist wie eine Sprache, mit der man Freude, Traurigkeit, Wut, Leidenschaft ausdrücken kann. Traditionell lernen Flamenco-Musiker nur durch Hören, Imitieren und Wiederholen, so wie ein Baby das Sprechen lernt. Man sagt, dass man hineingeboren werden muss, um den Flamenco singen, spielen oder tanzen zu können, man muss ihn im Inneren spüren. Man kann es nicht erlernen.“ – Oscar Herrero
Die Zeichnung Eduardo Guerrero hebt sich durch ihre dominante braun-rote Farbigkeit deutlich von den beiden gegen überliegenden Arbeiten ab. Die Bühne ist als flächiger Raum angelegt, auf dem vier männliche Figuren zu sehen sind: zwei stehende Tänzer oder Sänger an den Seiten, ein sitzender Gitarrist im Hintergrund und zentral die Hauptfigur des Tänzers Eduardo Guerrero. Seine weiß gemusterte Bluse und die roten Flamenco-Schuhe setzen markante Akzente. Im Vordergrund verdichten sich die Köpfe des Publikums zu einer dunklen Menge. Sie bleiben anonym, wirken geschlossen und aufmerksam – als stilles Gegenüber zur Energie auf der Bühne.
Guerrero gilt als Shootingstar einer neu en Generation des Flamencos und beeindruckt die internationalen Bühnen durch seine präzise Technik, die er mit zeitgenössischen Elementen und extravaganten Kostümen ergänzt.
Die beiden weiteren Arbeiten sind in kühlen Blautönen gehalten. Sie zeigen abstrahierte Silhouetten von Tänzerinnen und Musikern. Schwungvolle, teils transparente Pinselstriche lassen die Figuren mit dem Hintergrund verschmelzen. Bewegung wird nicht festgehalten, sondern angedeutet. Die Formen lösen sich auf, überlagern sich, bleiben bewusst unpräzise. Dadurch entsteht eine visuelle Darstellung der Flüchtigkeit von Musik und Tanz. In einer der Zeichnungen tanzen drei weibliche Figuren mit ausladenden Kleidern zur rhythmischen Begleitung eines sitzenden Gitarristen. Die Dynamik der Linienführung vermittelt Tempo und Spannung, die Körper scheinen im Raum zu schwingen. Die zweite Arbeit zeigt eine ähnliche Dreierkonstellation: links die rot-braunen Um risse einer Tänzerin mit wallendem Kleid, rechts ein klatschender Tänzer, in der Mitte eine helle, nahezu schwebende Figur. Sie verweist auf die sogenannte Königsdisziplin des Flamencos – den Tanz mit dem Manton, einem kunstvoll gestalteten Schleiertuch, das integraler Bestandteil der Choreografie ist.
Flamenco steht im Spanischen für eine Kunstform der Leidenschaft und genau diese Leidenschaft übersetzt Matthias Claudius Aigner in eine abstrakt-figurale Bildsprache. Durch das bewusste Auflösen von Konturen, das Ineinanderfließen von Figur und Raum sowie durch seine dynamische Arbeitsweise entstehen Bilder, die weniger beschreiben als empfinden lassen. Bewegung, Rhythmus und Leidenschaft werden nicht erzählt, sondern sichtbar gemacht.
Schmankerlwirt
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