Zyklus Ecce Homo – Schweisstuch

Künstler: Fritz Aigner
Jahr: 1970
Technik: Radierung mit Aquatinta
Maße: 49,5 x 59,5 cm

Fritz Aigners Auseinandersetzung mit Religion und Kirche ist eine zutiefst zwiespältige. Sein Verhältnis zur Religion ist kein ruhiges, sondern ein aufgeladenes. Es beginnt früh – in den sakralen Räumen der Stifte Kremsmünster und St. Florian, in denen er prägende Jahre seines Lebens verbrachte und die tiefe Spuren in seiner Bildwelt hinterließen. Kirchen, Altäre, Bilder und Rituale schreiben sich tief in sein visuelles Gedächtnis ein. Diese Nähe bleibt. Doch ebenso bleibt die Distanz. Aigner begegnet der Institution Kirche mit wachsender Skepsis. Persönliche Erfahrungen verschärfen diesen Bruch: finanzielle Forderungen der Amtskirche, schlecht entlohnte Gestaltungsaufträge – ein Missverhältnis von Macht, Moral und Menschlichkeit.

Aus dieser Spannung heraus entstehen seine religiösen Werke. Sie sind keine Andachtsbilder, sondern Reibungsflächen. Aigner nutzt die christliche Bildtradition, um sie aufzubrechen. Oft wählt er einen zynischen, manchmal bitteren Blickwinkel, mit dem er kirchliche Machtverhältnisse offenlegt und moralische Autorität in Frage stellt. Religiöse Motive werden nicht verklärt, sondern entlarvt. Immer wieder mischt sich Persönliches ein – biografische Erfahrungen, Krisen, Verletzungen. Religion wird zur Projektionsfläche des eigenen Ringens.

Im Zentrum seiner Werke steht immer wieder Jesus Christus. Nicht als triumphierender Erlöser, sondern als leidender Mensch. Aigner stellt dessen Passion seinem eigenen Leben gegenüber und holt sie radikal in die Gegenwart. Christus erscheint in unterschiedlichen Szenen – verhöhnt, gekrönt, gezeichnet, auf das Schweißtuch reduziert.

Besonders eindringlich ist die Farbgebung der Druckgrafiken. Inmitten von Schwarz und Weiß bricht hier eine helle Farbigkeit hervor. Es markiert Christus als Lichtgestalt – und zugleich als Ziel scheibe. Das Licht schützt nicht, es macht sichtbar.

Aigners religiöse Werke erzählen von Leiden, Schuld und Ausgesetztheit, aber auch von der Unmöglichkeit einfacher Antworten. Sie beruhigen nicht. Sie fordern heraus. Und genau darin liegt ihre nachhaltige Wirkung.

In den sieben Druckgraphiken aus dem Zyklus „Ecce Homo“ setzt sich Fritz Aigner mit einer der zentralen Bildtraditionen der christlichen Kunst auseinander. Der Titel „Ecce Homo“ verweist auf die Szene aus dem Johannesevangelium – die so genannte „Schaustellung des Herrn“ – in der Pontius Pilatus den gefolterten und mit der Dornenkrone gekrönten Jesus Christus dem ihn verhöhnenden Volk vor führt. Zugleich knüpft Aigner an die lange Tradition von Andachtsbildern an, die den leidenden Christus frontal, verletzlich und den Blick des Betrachters suchend zeigen.

Aigner greift dieses Thema auf und konfrontiert den Betrachter mit verschiedenen Szenen aus dem Leben und Leiden des Gottessohnes. Jesus tritt dabei in Interaktion mit seinem Umfeld. Neben der Darstellung als Retter und Bewahrer rückt vor allem sein Leidensweg in den Fokus – von der Dornenkrönung und Auspeitschung über die Kreuzigung bis hin zum Abdruck auf dem Schweißtuch.

Das Werk Herz Jesu zeigt eine traditionelle, ikonische Darstellung Christi, der in überdimensionaler Größe den Hintergrund der Szene einnimmt. Im Vordergrund sind drei Vertreter der katholischen Kirche zu sehen, überspitzt inszeniert, in machtvoller Pose und mit Blick nach unten am vorderen Bildrand positioniert. Im rechten unteren Eck erscheint ein Totenkopf mit Mitra als Verweis auf Vergänglichkeit der weltlichen bzw. kirchlichen Machtverhältnisse.

Diese Ambivalenz prägt auch die übrigen Werke des Zyklus: überspitzte, teils ironische Darstellungen weltlicher Ordnung stehen der religiösen Bildwelt gegenüber. Christus er scheint dabei als Mensch gewordener Sohn, der Leid und Pein durch sein Umfeld erfährt – ein Motiv, das Aigner immer wieder mit biografischen Bezügen verknüpft.

Eine besondere Zuspitzung erfährt der Zyklus im Werk Selbstporträt mit Herz Jesu und Madonna mit Kind. Hier verschränkt Aigner die religiöse Ikonografie unmittelbar mit seiner eigenen Person. Im Vordergrund erscheint der Künstler selbst, gezeichnet, verletzlich und frontal dem Betrachter zugewandt. Hinter ihm erhebt sich Christus und das Herz Jesu als leuchtendes, ikonisches Zeichen, das die Stirn des Künstlers erleuchtet, während die Madonna mit Kind als zweite religiöse Bezugsebene präsent ist. Aigner positioniert sich damit zwischen göttlicher Heilsverheißung und menschlicher Ohnmacht. Es entsteht der Eindruck, als würde der Gottessohn selbst dem Künstler seine Inspiration eingeben – ein Selbstporträt, gespickt von Gottesvertrauen und Ehrfurcht.

Allen Druckgraphiken gemein ist die experimentelle Farbgebung. Aigner kolorierte die sonst gänzlich in Schwarz-Weiß gehaltenen Blätter partiell mit einer gelb-orangen-rot leuchtenden Farbe. Diese Farbsetzung hebt die zentralen religiösen Motive der einzelnen Werke hervor und unterstreicht sie als Zeichen von Erleuchtung, Schmerz und innerer Glut. Dadurch wird die emotionale sowie symbolische Wirkung der Darstellungen zusätzlich verstärkt.

Schmankerlwirt
Inge & Arni Lummerstorfer

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